Die Bestimmung von Kennarten ist eine Aufgabe, mit der ich in den letzten Monaten viel Zeit verbracht habe und die mir viel Freude bereitet hat.
Das Prinzip dahinter ist einfach: Aktive Landwirte können Dauergrünland für das Projekt anmelden und bekommen dann Prämien dafür, wenn auf den Flächen mindestens vier Kennarten zu finden sind. Kennarten sind Pflanzenarten, die auf ein hohes Artenreichtum hindeuten; für Brandenburg gibt es eine Liste mit 68 verschiedenen Arten.
Zur Aufgabe gehört jedoch nicht nur das Begehen aller Flächen und das Fotografieren von Blumen – die Nachweisführung ist wichtig! Für jede Parzelle muss eine Schlagskizze angefertigt werden, mit einer dreigeteilten diagonalen Linie auf einem Satellitenbild des Grünlandschlags. Denn die Kennarten werden nicht auf dem kompletten Schlag erfasst, sondern nur entlang dieser imaginären Linie und ihrer nahen Umgebung. Auf jedem Drittel müssen vier verschiedene Kennarten gefunden werden. Diese können die vier selben Arten auf dem gesamten Schlag sein, oder bis zu zwölf verschiedene Pflanzen – deutlich häufiger ist jedoch Ersteres. Dies stellt sicher, dass die Kennarten auch wirklich zu der entsprechenden Parzelle gehören, und nicht etwa von der benachbarten Parzelle herübergewuchert sind, weil die Pflanze direkt am Rand gefunden wurde.
Das Protokollschreiben am Ende jeder Kennarten-Tour hat mir zwar nichts ausgemacht, war aber längst nicht so spannend wie die tatsächliche Suche. Nachdem meine Chefin mich auf unseren Weiden direkt auf dem Hof eingewiesen hat, habe ich mit den direkt angrenzenden Flächen begonnen und ihr von jeder einzelnen Pflanze ein Foto mit umgangssprachlichem und wissenschaftlichem Namen, der Kennarten-Nummer und dem entsprechenden Gründlandschlag geschickt – bis sie mich behutsam darum gebeten hat, damit aufzuhören, weil ihr Handy zum Bersten voll mit Pflanzenfotos gestopft war und sie mir nun wohl zutraute, die Pflanzen allein korrekt zu identifizieren.
Und so wurde ich in die wilde Freiheit entlassen: Auf dem Sattel unseres hofeigenen E-Bikes und mit meiner mittlerweile sehr zerknitterten Kennartenliste im Gepäck habe ich jeden einzelnen unserer 240 Hektar Grünland besucht.
Am Anfang war die Arbeit sehr mühselig, da ich jedes Kraut fotografieren und durch ein Pflanzenerkennungs-Programm jagen musste, doch mit jeder Tour wurde es einfacher. Meine treuesten Begleiter waren die Wilde Möhre, der Scharfe Hahnenfuß, die Vogel-Sternmiere und das Johanniskraut – viele unserer Flächen haben ähnliche Bodenbeschaenheiten, auf denen eben diese Pflanzen besonders gut wachsen, sodass ich sie oft schnell finden und identifizieren konnte; irgendwann musste ich nichtmal mehr nachschauen, welche Nummer sie auf der Liste hatten oder was ihr wissenschaftlicher Name war.
So kam es auch, dass es irgendwann beinahe zu einem Spiel für mich wurde. Immer nur dieselben Pflanzen zu finden, wurde langweilig, also habe ich mir meine Wunschlisten-Pflanzen angekreuzt und besonders nach diesen gesucht (oder einfach allem, was kein Hahnenfuß oder Vogelmiere war. Die sind hartnäckig!).
Besonders gefreut habe ich mich über jegliche Leguminosen, auch wenn sie nicht auf der Liste standen – Hornklee, Hasenklee oder Platterbsen. Auch ausgefallenere Blühpflanzen standen auf meiner Wunsch- und Kennartenliste: Der Fund von Sand-Grasnelken, Berg-Jasionen und Kuckucks-Lichtnelken hat mich jedes Mal aufs Neue zum Grinsen gebracht.
Die Kennartenbestimmung musste zum ersten November abgeschlossen werden, um die Protokolle noch rechtzeitig einschicken zu können, wird aber im Frühling nächsten Jahres erneut beginnen. Meine Begeisterung für diese Aufgabe, die von den anderen stets als lästig und langweilig angesehen wurde, hat mir die Spezialisierung als Naturschutzbeauftragte des Hofes eingebracht und mir somit nur noch mehr spannende Projekte ermöglicht, die ich sehnlichst erwarte; zum Beispiel das Anlegen von Wieselburgen zur Wühlmausbekämpfung oder die Teilnahme an Seminaren zur Moor-Wiedervernässung. Das ist ein Teil des Pferdewirt-Daseins, mit dem ich nicht gerechnet habe, aber umso mehr begrüße – Naturschutz wird ohne Landwirte nicht funktionieren, weshalb Kommunikation und Kollaboration immer wichtiger werden.